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Christentum in China - Aktuelle Situation

Neue Kirchenordnung für die chinesische protestantische Kirche und neue Leitung von Drei-Selbst-Bewegung und Chinesischem Christenrat

Ende November 2018 fanden in Beijing mehrere Sitzungen der Leitungsgremien der protestantischen Kirche Chinas statt.

Am 27.11. trat zum 6. Mal das Arbeitskomitee des ausgehenden gemeinsamen Rates von Drei-Selbst-Bewegung (9. Legislaturperiode) und Christenrat (7. Legislaturperiode) mit 83 Delegierten zusammen. Der noch amtierende Vorsitzende des Christenrates, Pfarrer Dr. Gao Feng, verlas den abschließenden Bericht über die Arbeit der letzten fünf Jahre. "Die Zahlen bezeugen Gnade in Fülle" betitelt die offizielle Internetseite die Zusammenfassung des Berichtes.

Pfarrer Shan Weixiang erläuterte die vorgenommenen Änderungen in den Satzungen beider Vereinigungen. Wichtigster Tagesordnungspunkt der Sitzung war die Diskussion der Kirchenordnung für die chinesische protestantische Kirche. Pfarrer Kan Baoping legte dar, wie sehr sich das Land seit 2008 - dem Jahr, in dem die bislang gültige Kirchenordnung aufgestellt wurde - weiterentwickelt habe und mit welch neuen Aufgaben und Herausforderungen die Kirche konfrontiert sei. In den revidierten Kirchenordnung seien vor allem sechs Grundprinzipien definiert. Das erste und wichtigste ist das Festhalten an der Sinisierung, die erfordere, dass Kirchen allerorten die traditionelle chinesische Kultur als ihre Grundlage betrachten und sie achten, modellhaft chinesische Besonderheiten leben und sich aktiv in eine sozialistische Gesellschaft einfügen; des Weiteren müsse das Verwaltungssystem beider Vereinigungen seinen kirchlichen Charakter deutlicher zum Vorschein bringen; es sei außerdem an der Zeit, dass die Kirche im postdenominationellen Zeitalter einen Schritt weiter auf die Einheit zugehe; die Regeln müssen praktikabel sein, so dass sie den Prozess der dem Gesetz entsprechenden und demokratischen Verwaltung der Kirchen im ganzen Land adäquat unterstützen; genauso müsse die Kirchenordnung allgemeingültig sein um bei allem Respekt vor unterschiedlichen Glaubenstraditionen die Differenzen zu minimieren; schließlich müsse das Problembewusstsein gefestigt und hervorstechende Probleme angegangen werden.

Die Verabschiedung der neuen Kirchenordnung war über den Zeitraum eines Jahres in Untergruppen evaluiert worden. Der Evaluierungsprozess habe breit angelegt die Ansichten und Bedenken kirchlicher Mitarbeitenden im ganzen Land einbezogen, um den Erfordernissen einer gesunden Entwicklung der Kirche Rechnung zu tragen.

Am 29.11. versammelten sich 191 Delegierte zur Nationalversammlung der Vertreter des chinesischen Protestantismus. Für die Drei-Selbst-Bewegung begann damit die 10. Legislaturperiode, für den Christenrat die 8. Als Nachfolger des im September verstorbenen Presbyters Fu Xianwei wurde sein ehemaliger Stellvertreter, Pfarrer Xu Xiaohong, als neuer Vorsitzender der Drei-Selbst-Bewegung bestätigt. Xu studierte Anfang der 1980er Jahre Theologie in Nanjing, arbeitete dann in der Provinz Shaanxi, bevor er zum Vorsitzenden der Drei-Selbst-Bewegung der Provinz Jiangsu wurde. Seit 15 Jahren arbeitet er bereits in der Kirchenleitung in Shanghai. Pfarrer Kan Baoping bleibt als einer der insgesamt neun stellvertretenden Vorsitzenden in einer wichtigen Funktion. Das Amt des Generalsekretärs wurde Gu Mengfei übertragen, Absolvent der Renmin Universität und langjähriger Mitarbeiter der Drei-Selbst-Bewegung, zunächst in Nanjing, später in Shanghai.

Neuer Präsident des Chinesischen Christenrates ist Wu Wei. Er leitete bisher den Christenrat in Beijing und war als Pfarrer an der Innenstadtkirche Chongwenmen tätig. Geschäftsführer und einer von ebenfalls 9 stellvertretenden Präsidenten ist Chan Weixiang. Er ist bekannt als Herausgeber der Kirchenzeitschrift Tian Feng; seit 2007 in der Kirchenleitung tätig.

Pfarrer Gao Feng ist in einem neu geschaffenen dritten Gremium, das eine Art Kontrollfunktion ausübt, chinesischer Name jianshi hui, oberster Supervisor geworden. Als sein Stellvertreter fungiert Dr. Wu Jianrong, zeitgleich Leiter des nationalen chinesischen CVJM.

Quelle: www.ccctspm.org/newsinfo/11262

(Dieser Artikel der China InfoStelle erscheint auch in China Heute 2018/4)

 

Informationen über das vorläufige Abkommen zwischen Vatikan und chin. Regierung vom 22.9.2018 sind auf der Internetseite von China Heute verfügbar:

http://www.china-zentrum.de/artikel/details/vatikan-und-china-vorlaeufiges-abkommen-zur-ernennung-von-bischoefen/

Erklärung von Hauskirchen

Am 30.8.2018 stellte Pastor Wang Yi, Leiter der Herbstregen Verbandskirche in Chengdu, eine Erklärung auf Facebook, die am 10.9. von 279 Verantwortlichen chinesischer Hauskirchen im ganzen Land unterzeichnet worden war. Im Vorfeld war u.a. die mit 1500 Mitgliedern von Pastor Dr. Ezra Jin geführte Zion-Kirche in Peking aufgefordert worden, sich bei den offiziellen Dachorganisationen der protestantischen Kirche in China, CCC/TSPM (China Christian Council / Three Self Patriotic Movement) registrieren zu lassen. Nachdem sie sich weigerte, wurde sie als illegal deklariert und geschlossen. Die Erklärung verlangt Glaubens- und Gewissensfreiheit, die Trennung von Staat und Kirche und kündigt an, auch unter Verlust aller materiellen Güter inklusive des eigenen Lebens am Glauben festzuhalten.

 

Vorschriften für religiöse Angelegenheiten

Am 1. Februar 2018 traten in der Volksrepublik China neue gesetzliche Regelungen für religiöse Angelegenheiten in Kraft. Sie sind eine überarbeitete und erweiterte Version der Verwaltungsrechtsnorm vom 1. März 2005 - ein Religionsgesetz gibt es weiterhin nicht. Der gesamte Wortlaut wurde in China Heute (Heft 3/2017) von Katharina Wenzel-Teuber übersetzt einführend kommentiert.

Die neuen Vorschriften enthalten eine Vielzahl detaillierter Regelungen, die ein härteres Vorgehen gegen nicht offiziell sanktionierte religiöse Aktivitäten legitimiert, erstmals aber auch die Möglichkeit für Kirchen und Ausbildungsstätten einen Rechtsstatus zu beantragen. Eine Zunahme der staatlichen Kontrolle und die Abwehr ausländischer Einflussnahme sind in den Vorschriften angelegt. Der online Vertrieb von Bibeln wurde im April verboten, ebenso die Durchführung von Kindergottesdiensten; die Erziehungshoheit liegt allein beim Staat. Vor allem in der Provinz Henan kam es bislang zu Maßnahmen wie Kreuzabrissen und Demontage von kulturfremden Symbolen wie westlich-christlichen Statuen und Ornamenten an Fassaden.

 

Chinesische Religionsbehörde - SARA

Die bisher mit dem Kürzel SARA (State Administration of Religious Affairs) beschriebene Religionsbehörde ist kurz nach der Tagung des Nationalen Volkskongresses im März 2018 in die parteiinterne nationale Einheitsfront eingegliedert worden und damit der direkten Aufsicht der KP Chinas unterstellt. Leiter der Behörde ist weiterhin Wang Zuo-an.

 

Allgemeine Situation

 

Heute gehören die chinesischen christlichen Kirchen zu den am schnellsten wachsenden Religonsgemeinschaften weltweit. Insbesondere die Zahl der protestantischen Christen ist seit Beginn der Reform- und Öffnungspolitik rasant gestiegen. Dabei erschwert die Existenz von nicht offiziell anerkannten Gemeinden das Erfassen genauer Zahlen.

Im Bereich der protestantischen Kirchen spaltet sich die Kirche in staatlich anerkannte Gemeinden (rund 20 Millionen Gläubige) und eine Vielzahl unverbundener „Hauskirchen“. Experten schätzen, dass die Zahl der Protestanten insgesamt bei rund 40 Millionen liegt. Auch im Bereich der katholischen Kirche gibt es neben den offiziell anerkannten Gemeinden mit etwa 6 Millionen Gläubigen die sogenannten „vatikantreuen Untergrundkatholiken“ (ebenfalls etwa 6 Millionen Gläubige), die sich der Einmischung des Staats in innerkirchliche Angelegenheiten wie z. B. Bischofsweihen verweigern und aus diesen Gründen nicht der staatlich anerkannten katholischen Kirche angehören möchten. (Genauere Informationen zur Situation der katholischen Kirche in China finden Sie auf den Seiten des China-Zentrums St. Augustin: hier)

Im Alltag verlaufen sowohl in der katholischen als auch der protestantischen Kirche die Grenzen zwischen staatlich anerkannten Gemeinden und den sogenannten „Untergrundgemeinden“ oft fließend. Viele „Untergrundkirchen“ sind weithin sichtbare Gebäude und in aller Öffentlichkeit aktiv. Daher ist es korrekter, zwischen registrierten und nicht registrierten Gemeinden zu unterscheiden. Während christliche Laien in Chinas staatlich anerkannten Gemeinden weitgehend problemlos ihren Glauben leben können, können sich Mitglieder von „Untergrundgemeinden“ staatlicher Verfolgung ausgesetzt sehen. Doch auch in diesem Bereich hat die Verfolgung in den letzten Jahren abgenommen. Die Wissenschaftlerin Teresa Zimmerman-Liu berichtete im Januar 2011 am Rande einer Konferenz, immer weniger chinesische Christen suchten in den USA aufgrund religionspolitischer Verfolgung Asyl.

Die in China vergleichsweise starke staatliche Kontrolle religiöser Angelegenheiten und Gemeinschaften ist dabei nicht nur dem gegenwärtigen staatlichen Autoritarismus geschuldet, sondern lässt sich bis in die chinesische Kaiserzeit zurückverfolgen. Die Einbindung von Katholiken und Protestanten in das sozialistische Gefüge wird dabei durch patriotische Organisationen gewährleistet, die als Scharnierstelle zwischen Kirchenleitung und Staat agieren. Dies sind die Drei-Selbst Bewegung (Three-Self-Patriotic-Movement) im protestantischen Bereich und die Katholische Patriotische Vereinigung (Catholic Patriotic Association) für die katholische Kirche. Hinzu kommen die kircheneigenen Leitungsstrukturen. Die protestantischen Kirchen werden von Christenräten auf Stadt-, Provinz und nationaler Ebene geleitet, während die chinesische katholische Kirche sich an den universalkatholischen Leitungsstrukturen orientiert. Eine Besonderheit im protestantischen Bereich ist der Post-Denominationalismus. Hatten die ausländischen Missionare das Christentum in Form unterschiedlicher denominationeller Ausprägungen nach China gebracht, so verstehen sich Chinas Protestanten heute als „unierende Kirche“, in der „Gemeinsamkeiten gesucht und Unterschiede respektiert“ werden. Während sich im Alltag unterschiedliche theologische Positionen und liturgische Praktiken erhalten haben, präsentieren sich die protestantischen Kirchen offiziell als nicht denominationell.