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Christentum in China

Christentum in der VR China

Viermal wurde das Christentum „neu“ nach China eingeführt. Zeugnisse wie die berühmte nestorianische Stele im Stelenwald in Xi’an bezeugen, dass es zunächst nestorianische Christen waren, die das Christentum über die Seidenstraße ins Reich der Mitte brachten.

Ein zweites Mal kam das Christentum zur Zeit der Mongolenherrschaft (13./14. Jahrhundert) durch katholische Missionare ins Land. Es folgte die Jesuitenmission, die jedoch aufgrund des sogenannten „Ritenstreits“ aufgegeben werden musste. 1807 kam mit Robert Morrison der erste protestantische Missionar ins Land. Zwischen diesen Phasen der Berührung mit der „ausländischen Religion“ (yangjiao) lagen immer wieder Zeiten, in denen das Christentum fast vollständig aus dem Land verschwand.

Heute gehören die chinesischen christlichen Kirchen zu den am schnellsten wachsenden Religonsgemeinschaften weltweit. Insbesondere die Zahl der protestantischen Christen ist seit Beginn der Reform- und Öffnungspolitik rasant gestiegen. Dabei erschwert die Existenz von nicht offiziell anerkannten Gemeinden das Erfassen genauer Zahlen. Im Bereich der protestantischen Kirchen spaltet sich die Kirche in staatlich anerkannte Gemeinden (rund 20 Millionen Gläubige) und eine Vielzahl unverbundener „Hauskirchen“.

Experten schätzen, dass die Zahl der Protestanten insgesamt bei rund 40 Millionen liegt. Auch im Bereich der katholischen Kirche gibt es neben den offiziell anerkannten Gemeinden mit etwa 6 Millionen Gläubigen die sogenannten „vatikantreuen Untergrundkatholiken“ (ebenfalls etwa 6 Millionen Gläubige), die sich der Einmischung des Staats in innerkirchliche Angelegenheiten wie z. B. Bischofsweihen verweigern und aus diesen Gründen nicht der staatlich anerkannten katholischen Kirche angehören möchten. (Genauere Informationen zur Situation der katholischen Kirche in China finden Sie auf den Seiten des China-Zentrums St. Augustin: hier)

Im Alltag verlaufen sowohl in der katholischen als auch der protestantischen Kirche die Grenzen zwischen staatlich anerkannten Gemeinden und den sogenannten „Untergrundgemeinden“ oft fließend. Viele „Untergrundkirchen“ sind weithin sichtbare Gebäude und in aller Öffentlichkeit aktiv. Daher ist es korrekter, zwischen registrierten und nicht registrierten Gemeinden zu unterscheiden. Während christliche Laien in Chinas staatlich anerkannten Gemeinden weitgehend problemlos ihren Glauben leben können, können sich Mitglieder von „Untergrundgemeinden“ staatlicher Verfolgung ausgesetzt sehen.

Doch auch in diesem Bereich hat die Verfolgung in den letzten Jahren abgenommen. Die Wissenschaftlerin Teresa Zimmerman-Liu berichtete im Januar 2011 am Rande einer Konferenz, immer weniger chinesische Christen suchten in den USA aufgrund religionspolitischer Verfolgung Asyl. Die in China vergleichsweise starke staatliche Kontrolle religiöser Angelegenheiten und Gemeinschaften ist dabei nicht nur dem gegenwärtigen staatlichen Autoritarismus geschuldet, sondern lässt sich bis in die chinesische Kaiserzeit zurückverfolgen.

Die Einbindung von Katholiken und Protestanten in das sozialistische Gefüge wird dabei durch patriotische Organisationen gewährleistet, die als Scharnierstelle zwischen Kirchenleitung und Staat agieren. Dies sind die Drei-Selbst Bewegung (Three-Self-Patriotic-Movement) im protestantischen Bereich und die Katholische Patriotische Vereinigung (Catholic Patriotic Association) für die katholische Kirche. Hinzu kommen die kircheneigenen Leitungsstrukturen. Die protestantischen Kirchen werden von Christenräten auf Stadt-, Provinz und nationaler Ebene geleitet, während die chinesische katholische Kirche sich an den universalkatholischen Leitungsstrukturen orientiert.

Eine Besonderheit im protestantischen Bereich ist der Post-Denominationalismus. Hatten die ausländischen Missionare das Christentum in Form unterschiedlicher denominationeller Ausprägungen nach China gebracht, so verstehen sich Chinas Protestanten heute als „unierende Kirche“, in der „Gemeinsamkeiten gesucht und Unterschiede respektiert“ werden. Während sich im Alltag unterschiedliche theologische Positionen und liturgische Praktiken erhalten haben, präsentieren sich die protestantischen Kirchen offiziell als nicht denominationell.